Luzerner Offizier und Zuger Schuldirektor halfen mit, den Weltkrieg zu beenden

Jul 31, 2018

Im Frühjahr 1945 wurden Kapitulationsverhandlungen zwischen Alliierten und Nazis aufgegleist – auch in Luzern. Jetzt werden die lange vertuschten Ereignisse neu beleuchtet. Vor allem die Rollen eines Luzerner Geheimdienstoffiziers und eines Zuger Schulleiters.

Im Februar 1945 weilt der Luzerner Max Waibel, Offizier des Schweizer Nachrichtendiensts, in St. Moritz, als er einen Anruf von Max Husmann erhält. Dieser ist Eigentümer des Instituts Montana, einer für ihre moderne Pädagogik bekannte Schule auf dem Zugerberg. Husmann teilt Waibel mit, ein italienischer Freund, Baron Luigi Parrilli, kenne hochrangige SS-Leute, die bereit seien, über eine Kapitulation der in Italien stationierten Truppen zu verhandeln. Zu diesem Zeitpunkt ist der Krieg für Deutschland bereits verloren, in Italien rücken die Alliierten von Süden her vor, doch will man dies etwa im Führerquartier in Berlin noch nicht wahrhaben. Eine Kapitulation könnte den Krieg um Monate verkürzen und viele Menschenleben retten.

Waibel bricht seine Skiferien ab, um Parrilli zu treffen. Dann beginnen geheime Verhandlungen, welche die englische Historikerin Sara Randell neu aufgearbeitet hat. Ihr Buch «Den Krieg beenden», entstanden mit der Unterstützung der Stiftung Max Husmann Montana Zugerberg, liegt nun auf Deutsch vor.

Geheim halten – besonders vor dem Bundesrat

Max Husmann, geboren in der Ukraine, kommt als Kind mit seiner Familie in die Schweiz. 1926 gründet er auf dem Zugerberg das Institut Montana und baut dieses 1937 durch den Erwerb der Schule Felsenegg aus. Er kennt Baron Parrilli, weil dieser einen Neffen in Husmanns Institut geschickt hat. Max Waibel unterstreicht später in seinen Memoiren, welch zentrale Rolle Husmann in den Kapitulationsgesprächen gespielt hat.

Am 22. Februar 1945 treffen sich Waibel, Husmann und Parrilli erstmals. Waibels Problem ist diffizil: Es geht darum, Gespräche zwischen den Alliierten und den Deutschen zu vermitteln. Doch ist es den westlichen Alliierten durch ein Abkommen zwischen Churchill, Roosevelt und Stalin offiziell verboten, Gespräche mit dem Feind zu führen, ohne die Russen miteinzubeziehen. Waibel kann zudem weder seinen Vorgesetzten noch den Bundesrat informieren. Denn er riskiert, dass diese ihm aus Neutralitätsüberlegungen verbieten würden, Kapitulationsverhandlungen aufzugleisen.

Waibel nimmt mit dem US-Nachrichtenoffizier Allen Dulles Kontakt auf und trifft ihn am 25. Februar in Luzern. Damit beginnt die so genannte «Operation Sunrise». Seitens der Deutschen wird Karl Wolff zur Hauptfigur. Er ist der höchste SS- und Polizeiführer in Italien und gilt als rechte Hand Heinrich Himmlers. Wolff ist ein Nazi durch und durch, sieht aber wie viele deutsche Offiziere die totale Niederlage kommen und spekuliert wohl auf eigene Vorteile, wenn er bei der Beendigung des Krieges mitwirkt. Er versucht nun, hochrangige deutsche Militärs in Italien von einer Kapitulation zu überzeugen, ohne dass Berlin etwas davon merkt.

Schlechte Nachrichten und Probleme mit den Sowjets

Doch bei einem Treffen mit Waibel, Dulles und Husmann in Luzern meldet Parrilli Schlechtes: Kesselring ist nach Berlin berufen worden. Wolff muss nun erst dessen Nachfolger auf Kurs bringen. Auch dass die westlichen Alliierten nun doch die Sowjets über «Operation Sunrise» informieren, kompliziert die Sachlage. Diese wollen mitmischen, was die Westmächte ablehnen, worauf die Sowjets auf einem Abbruch der Verhandlungen bestehen. In der Nachbetrachtung meinen viele Experten, dass die «Operation Sunrise» wesentlich zu den Spannungen zwischen Ost und West und damit zum Kalten Krieg beigetragen hat.

Waibel und Husmann bleiben derweil aktiv. In Ascona kommt es zu einem Treffen zwischen Alliierten und Deutschen. Wieder ist es Husmann, der Wolff vorgängig klarmacht, dass nun konkrete Vorschläge gefragt seien. Unklar ist, ob zu diesem Zeitpunkt der Schweizer Bundesrat tatsächlich noch nichts weiss von «Operation Sunrise». Sicher aber sind inzwischen der Leiter des militärischen Nachrichtendiensts sowie General Guisan informiert. Aus deren Sicht handelt es sich um eine rein deutsche Initiative, auf diese Weise kann man einer Neutralitätsproblematik elegant ausweichen.

Anfang April 1945 ist der Ausgang der «Operation Sunrise» völlig ungewiss. In der Schweiz warten alliierte Generäle darauf, dass die deutschen Soldaten in Italien den Befehl zur Niederlegung der Waffen erhalten. Dann drohen die aktuellen Ereignisse alles zunichte zu machen: Die Alliierten starten eine grosse Offensive in Italien, zudem reduziert eine Umstrukturierung der deutschen Armee den Einfluss von Wolff.

Ende April weilt Karl Wolff mit zwei weiteren deutschen Offizieren im Haus Dorenbach in Luzern, wo Max Waibel mit seiner Frau und seinen Kindern wohnt. Bevor er wieder nach Italien reist, verfasst er eine handschriftliche Vollmacht zur Kapitulation. Wenige Tage später erhält Dulles offiziell grünes Licht für die «Operation Sunrise» seitens der USA. In der süditalienischen Stadt Caserta kommt es zu Verhandlungen zwischen Deutschen und Alliierten über eine Kapitulation. Die deutschen Versuche, noch irgendwelche Zugeständnisse aushandeln, scheitern. Am 29. April 1945 unterzeichnen die beiden deutschen Offiziere, die Wolff nach Luzern begleitet haben, die Kapitulationsdokumente. «Operation Sunrise» ist beendet.

Jedoch braucht es in den folgenden Tagen noch grosses Engagement vor allem seitens von Karl Wolff, um die deutschen Befehlshaber dazu zu bringen, die Waffen niederzulegen. Als am 2. Mai die Waffen in Italien schweigen, kapitulieren auch die Truppen in Berlin, die Rote Armee marschiert sein. Die gesamtdeutsche Kapitulation erfolgt am 8. Mai

Arno Renggli 19.7.2018

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